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Nüchternheit, Sensibilität

Herausforderungen mit dem Selbstwert bei HSP

Kaffeepause

Bild: Carli Jeen // unsplash

Mit dem Begriff des Selbstwertes habe ich viele Jahre gehadert bis ich verstanden habe, was damit gemeint ist. Ich dachte lange, dass Selbstwert, ausschließlich was mit Gehaltsverhandlungen zu tun hat, wenn ich zum Beispiel einen neuen Job antrat. Mit Geld und Finanziellem hat Selbstwert gewiss auch etwas zu tun, jedoch nicht ausschließlich. Dieses Wort war sozusagen eine leere Worthülse für mich. Ich wusste einfach nicht, was gemeint war.

Dass ich keinen Bezug zu meinem Selbstwert hatte, scheint nicht nur ein Problem von mir zu sein, sondern eins, das viele (Hoch)Sensible betrifft.

Aus der Fülle von möglichen Ursachen für den geringen Selbstwert lassen sich drei Themenbereiche zusammenfassen. Dass es daneben immer auch individuelle, völlig andersgelagerte Ursachen geben kann, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Im Folgenden zitiere ich dazu ein paar Textstellen aus dem Buch von Georg Parlow ‚Zart besaitet‘:

1. Das kulturelle Ideal

Der typische (hoch)sensible Mensch entspricht nicht dem gegenwärtigen kulturellen Idealtypus. Menschen, die dem kulturellen Ideal näher sind, haben eine hohe soziale Attraktivität. Das heißt, dass sie begehrte Spielgefährten:innen, Gesellschafter:innen oder Wegbegleiter:innen sind. Unsere Kultur verehrt den/die Sieger:in und Helden:in, was auf der alltäglichen Ebene heißt, dass schlagfertige, extrovertierte Menschen mit hoher Konfrontationsbereitschaft und der Fähigkeit, auch im öffentlichen Wettstreit gut abzuschneiden, in einer Gruppe auffallend mehr Zuwendung und positive Aufmerksamkeit erhalten als die typische HSP. Dies gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene; für Jungs und Männer etwas stärker als für Mädchen und Frauen, aber auch in rein weiblichen Zirkeln ist dieses Muster zu beobachten. Die typische hochsensible Person ist eher introvertiert und außerhalb eines kleinen Kreises vertrauter Menschen oft etwas unbeholfen.

Wir Mitteleuropäer neigen vielleicht dazu, dieses soziale Ideal als typisch menschlich anzusehen. Doch eine in den 90er Jahren gemeinsame wissenschaftliche Studie der psychologischen Fakultäten durch die Universität Waterloo in Ontario, Kanada, sowie durch die Lehrer-Universität Shanghai in China belehrt uns eines Besseren. In dieser Studie wurde ermittelt, welche Merkmale die beliebtesten Spielgefährten:innen bzw. Klassenkammeraden:innen in verschiedenen Kindergartengruppen und Schulklassen gemein haben. In Kanada, dessen Kultur nach wie vor von mitteleuropäischer Abstammung dominiert wird, sind dies erwartungsgemäß Mut, Redegewandtheit, soziale Initiative und körperliche Leistungsfähigkeit bei Spielen oder Sport.

In China hingegen sind die begehrtesten Spielgefährten:innen auffällig stille und in sich ruhende Kinder, die auch als scheu und sensitiv bezeichnet wurden. Somit ist klar, dass die besondere Wertschätzung von eher aggressiven, wettbewerbsorientierten Verhalten keine urmenschliche, sondern eine kulturelle Eigenheit ist. Wir können uns gut vorstellen, dass beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen im Laufe der zunehmenden Verschmelzung der Menschheit die aggressiven Heldenkulturen die anderen dominierten und dass sie deshalb auch heute weltweit den Ton angeben.[1]

Bild: Minnie Zhou // unsplash

Allein daraus folgere ich, dass ich vermutlich einen besseren Selbstwert hätte, wenn ich in Asien aufgewachsen wäre. Vermutlich hätte ich dort nicht so starke Tendenzen entwickelt mich anpassen zu müssen und über meine Grenzen zu gehen. Der Alkohol hat meine Grenzen verwischt. Er war wie eine Art soziales Schmiermittel. Denn das Laute, das Extrovertierte und die Fähigkeit aus sich heraus zu gehen, wird in unserer Kultur hoch angesehen. So machte er aus der so schüchternen und grauen Maus eine Sonja, die im wahrsten Sinne des Wortes auf den Tischen tanzte. Diese enthemmende Wirkung des Alkohols spielte in meiner Vergangenheit also eine ganz entscheidende Rolle.

2. Andersgeartete Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit

Spätestens als Jugendliche:r merken die meisten (hoch)sensiblen Menschen, dass sie in mancherlei Hinsicht viel geringere Belastungen ertragen können als die meisten Menschen. Und zwar handelt es sich hierbei um alltägliche Belastungen, denen ein junger Mensch zwangsläufig begegnet. Am auffälligsten sind dabei die körperlichen Belastungen: Lärm, Staub, Gerüche, Hitze oder Kälte usw. können (Hoch)Sensible in weitaus geringeren Maßen als andere Menschen tolerieren. Auch nervliche oder emotionale Belastungen beeinträchtigen eine HSP merklich stärker. Dass sie dagegen in Extremsituationen oft weitaus größere Belastungen positiv verarbeiten können als andere, ist vielen nicht bewusst, weil extreme Situationen selten sind.[2]

Ich kann mich zum Beispiel an ein Familientreffen bei der Familie meines Ex-Freundes erinnern, bei dem ich etwas ruhiger reagiert habe als meine Mitmenschen: Wir saßen am Esstisch am Neujahrstag und auf einmal fängt das Salatbesteck an zu brennen. Die Griffe sind in die Flamme der Kerze geraten. Um mich herum fingen alle an wild zu gestikulieren und vom Tisch aufzuspringen, nur ich habe es geschafft einigermaßen ruhig und besonnen zu reagieren. Solche Extremsituationen kommen wirklich selten vor. Deswegen erlebe ich mich persönlich sehr viel häufiger als ein Mensch mit geringerer Belastbarkeit. Den Wenigsten von uns ist bewusst, dass nicht alle Menschen Alltagssituationen als gleich stressig erleben. Wir nehmen alle unterschiedlich wahr. Aufgrund der zu beobachtenden geringeren Belastbarkeit und der damit einher gehenden eingeschränkten Leistungsfähigkeit ergibt sich bei vielen von uns ein Gefühl von Unterlegenheit. Dies umso mehr, da Leistung eines der goldenen Kälber unserer Kultur darstellt. Vor diesem Hintergrund ist der Schritt von Gefühlen der Unterlegenheit in Leistung und Belastbarkeit zu Gefühlen von minderer Wertigkeit nur ein Kleiner.[3]

3. Für eine schwierige Kindheit prädestiniert

(Hoch)Sensible Menschen sind insbesondere in den ersten Lebensjahren höheren psychoemotionalen Belastungen ausgesetzt als die weniger sensible Mehrheit. In der frühen Kindheit sind sie aufgrund ihrer tatsächlichen Eigenheiten, aber auch, weil sie dem kulturellen Ideal weniger entsprechen, für die Betreuungspersonen oft sehr anstrengend. Eine Herausforderung, der viele Eltern, Erzieher:innen und Lehrer:innen nicht gewachsen sind. Dadurch kommen HSP auch leichter in verletzende Situationen und haben dann auch noch geringere Chancen, ausreichende Begleitung und Unterstützung zu finden. Aus dieser Verquickung unglücklicher Umstände ergibt sich eine klare Anfälligkeit für seelische Verletzungen, die zu Neurosen, Depressionen und Sozialphobien führen können. Dies hat teilweise direkt mit der Anlage (Hoch)Sensibilität zu tun, vergleichbar damit, dass sehr sportliche Menschen eine höhere Anfälligkeit für Sportunfälle zeigen oder Menschen mit blasser Haut leichter einen Sonnenbrand oder Hautkrebs bekommen. Doch gleichzeitig ist es in hohem Maße ein kulturelles Phänomen. Um es noch einmal anders auszudrücken: Diese Störungen sind keine Eigenschaft der (Hoch)Sensibilität selbst, sondern eine Folge davon, dass (hoch)sensible Menschen in unserer Gesellschaft nicht die Rahmenbedingungen vorfinden, um sich entsprechend ihrer Anlage ungestört entwickeln zu können. Nun sind die Eltern von (Hoch)Sensiblen sehr oft selbst welche und tun sich schwer damit, den Stress, den ein empfindsames Kleinkind mit sich bringt, gut zu ertragen. Da viele weder ihre eigene Anlage zur (Hoch)Sensibilität noch die des Kindes anerkennen und schätzen, fällt es ihnen schwer, geduldig, gelassen und verlässlich zu sein. Was diesen Eltern und Erzieher:innen vor allem fehlt, ist die Information über die Natürlichkeit, den besonderen Wert und die speziellen Herausforderungen der (Hoch)Sensibilität.[4]

Dies erklärt, warum viele HSP gerne anderen Menschen gefallen wollen und häufig bemüht sind es anderen Menschen recht zu machen. Oft sind sie mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit nur im Außen und gar nicht bei sich selbst. Deswegen konnte ich mit dem Begriff Selbstwert anfangs nicht viel anfangen, weil ich meinen ganzen Wert von außen abhängig gemacht habe, also von meiner Umwelt. Ich kannte mich und mein inneres Wesen sozusagen gar nicht. Ich hatte mich im Laufe der Jahre verloren. Seit meiner Nüchternheit, also seit acht Jahren, lerne ich eine Sonja kennen, die ihren Wert aus sich selbst herauszieht und nicht mehr vom außen abhängig ist. Diese Erkenntnis ist wirklich befreiend. Denn endlich kann ich so für mich da sein, wie ich es brauche. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes unabhängig.

Neben all diesen Herausforderungen, die HSP manchmal haben, gibt es aber auch etliche seelische Stärken von (Hoch)Sensiblen, auf die ich in einem anderen Beitrag bestimmt noch genauer eingehen werde. Heute wollte ich nur erläutern, warum so viele (hoch)sensible Personen Probleme mit ihrem Selbstwert haben.

Wie ich meinen Selbstwert stabilisiere

Nun möchte ich euch eine Methode an die Hand geben, die mir hilft meinen Selbstwert zu pampern bzw. zu optimieren:

Ich bin mir selbst meine beste Freundin.

Das bedeutet, dass ich in herausfordernden Situationen, zu mir spreche, wie zu meiner besten Freundin. Ich stelle sie mir quasi bildlich vor. Für mich triggernde und belastende Situation sind immer welche, in denen ich mich ohnmächtig und ausgeliefert fühle. Hier ein Beispiel: Ich stehe am Bahnsteig und muss zwei Stunden in Eiseskälte auf den verspäteten Zug warten. Die Deutsche Bahn hat versäumt eine Durchsage zu dem verspäteten Zug zu machen, weshalb ich mich nicht traue vom Bahnsteig weg zu gehen oder so. In solchen Situationen hätte ich früher das Bedürfnis gehabt zu trinken oder mir was Süßes beim Bäcker zu kaufen. Heute spreche ich in diesen Situationen (im Kopf) zu mir selbst, so als ob ich meine beste Freundin wäre: „Ich weiß, dass diese Situation gerade schwierig für dich ist. Du bist ohnmächtig und kannst hier gerade nicht weg. Du frierst und es ist kalt. Du bist wütend und frustriert und diese Gefühle dürfen jetzt gerade da sein. Sie haben nämlich ihre Daseinsberechtigung.“ Wenn ich es schaffe mit mir im Kopf, wie zu meiner besten Freundin zu sprechen, tröstet mich das ungemein. Es beruhigt mich. Dann bin ich für mich da. Ich bin in Verbindung mit mir selbst. Ich lasse mich selbst nicht allein oder im Stich.

Oder früher habe ich auch eher in Peitschenhieben zu mir gesprochen, wenn mir zum Beispiel eine Präsentation im Job nicht gelungen ist. Heute bin ich nicht mehr so zu mir, sondern behandele mich eher sanft. Ich habe aufgehört mich zu verurteilen und mir die Schuld für alles zu geben. Denn durch die Technik der besten Freundin, erkenne ich meinen Selbstwert an. Vielleicht probiert ihr das in der nächsten (Scheiß)Situation mal aus, wenn ihr mögt.

Heute verstehe ich den Begriff des Selbstwerts so, dass ich es mir selbst wert bin, dass ich mir die für mich so wichtigen Pausen gönne. Dass ich mir Zeit schaffe, um zu entspannen. Ich bin es mir wert, dass ich gut zu mir bin, dass ich mich gut behandele und nicht zu viel von mir abverlange, wenn ich nicht mehr kann. Deswegen bedeutet Selbstwert mittlerweile für mich den liebevollen Umgang zu mir selbst. Mich selbst zu pampern. In ohnmächtigen Krisensituationen mir selbst meine beste Freundin zu sein und für mich da zu sein.


[1] Vgl. Georg Parlow, Zart besaitet, Festland Verlag, Wien, 5. Auflage 2017, S. 96 ff.

[2] Vgl. ebda. S. 99

[3] Vgl. ebda., S. 100

[4] Vgl. ebda., S. 100 f.