Vor zwei Wochen saß ich hier und habe einen Text über Scanner-Persönlichkeiten geschrieben, den ich auf meinem Blog veröffentlichen wollte.
Vor einer Woche ist mir dann meine Festplatte gecrasht. Selbstverständlich habe ich kein BackUp angefertigt; ein blöder Fehler. Blöd.
Jetzt sitze ich seit einer Woche da und überlege, ob ich die 265 EUR zur Reparatur meiner Festplatte ausgeben soll oder ob ich es einfach bleiben lassen soll? Derzeit sagt mein Bauch, dass ich es dabei belassen werde. Nichtsdestotrotz hat mein unbewusstes Inneres zur Zeit nicht die Muse erneut den genau gleichen Text über Scanner-Persönlichkeiten zu schreiben; jedenfalls noch nicht. Stattdessen überlege ich einen Text über meine Doppelbelastung im Job zu schreiben, um an diesem Beispiel mein Wissen, um Scanner weiterzugeben. Das wäre dann zumindest nicht der exakt gleiche Text. Aber die Moral von der Geschichte ist, dass ich auf jeden Fall ein BackUp machen werde.
Was sind Scanner-Persönlichkeiten?
Mit dem Phänomen der Scanner-Persönlichkeit habe ich mich seit Jahren nicht mehr befasst, weil ich, seitdem mir das Wort zum ersten Mal begegnet ist, mich nicht darin gefunden habe. Nichtsdestotrotz gab es in den letzten Monaten innerhalb meiner nüchternen HSP-Community immer wieder Fragen und Anmerkungen zu Scannern, sodass mir dieses Thema wieder ins Bewusstsein gekommen ist.
Meine erste Begegnung mit diesem Wort war in Frankfurt im Jahr 2015, wo ich einem HSP-Treffen beigewohnt habe. Dort traf ich einen Mann aus Wien, der immer wieder sagte, dass seine Verhaltensweisen typisch für einen Scanner seien. Offen gestanden dachte ich zuerst, dass er damit ein Gerät aus dem Büro meinte und dass er nicht ganz dicht sei. Auf die Idee, dass er damit nur etwas im übertragenen Sinne meinte, bin ich nicht sofort gekommen, sondern erst später zu Hause bei meinen eigenen Recherchen: Scanner-Persönlichkeiten zeichnen sich darüber aus, dass sie unheimlich viel Wissen innerhalb kürzester Zeit in sich aufsaugen können. Das ist so meine eigene Definition davon. Sie entwickeln dann für ein Projekt oder ein gewisses Thema, das sie gerade interessiert, eine Art Tunnelblick. Die Problematik, die damit einhergeht, ist, dass viele Scanner aufgrund ihrer hohen Begeisterungsfähigkeit für viele verschiedene Interessensgebiete Schwierigkeiten haben, bereits angefangene Projekte zu vollenden. Häufig kommt etwas kurzfristig dazwischen, dem ihr Unbewusstes dann mehr Aufmerksamkeit schenken möchte. Aus diesem Grund haben typische Scanner auch sehr wilde Lebensläufe, weil sie schon in so viele Studiengänge oder Ausbildungen hinein „geschnuppert“ haben. Dabei haben sie es häufig nicht sehr leicht. Denn unsere Gesellschaft ehrt Spezialisten, weniger die Universalisten. Denn wir leben in einer eher ergebnisorientierten Gesellschaft.[1] Da so viele Scanner Schwierigkeiten haben, ihre Projekte zuende zu bringen, haben sie a priori, also von vorn herein, schlechtere Karten.
Ich habe das mit Sachbüchern.
Auf mich trifft davon vieles nicht zu. Meine bisherigen Ausbildungen, die aufeinander aufbauten, konnte ich bisher immer zu Ende bringen. Aber ich beobachte so eine Tendenz bei mir mit Büchern, vor allem mit Sachbüchern. Manchmal gibt es Bücher zu Themen, die ich in dem Moment so spannend finde, dass ich sie mir gleich bestelle. Nach drei Wochen kommt dann ein anderes Thema, dem ich mich impulsartig mehr widmen möchte, als dem Thema von vor drei Wochen. So kommt es manchmal vor, dass ich gewisse Sachbücher nur rudimentär zu Ende lese. Ein ausgereiftes Expertenwissen kann man sich so nicht aneignen. Deswegen sind Scanner auch eher Universalisten, also Menschen, die auf vielen Sachgebieten über ein gutes Allgemeinwissen verfügen, aber aus genannten Gründen nicht so in die Tiefe gehen können.
Ich persönlich empfinde es als sehr belebend sich für vieles begeistern zu können und, zumindest für eine gewisse Zeit, eine starke Leidenschaft dafür zu entwickeln.
Ein gut strukturiertes und mit Disziplin verfolgtes Zeitmanagement könnte vielen Scannern einiges im Leben erleichtern. Genau über solche Tipps für Scanner hat Barbara Sher ein sehr gutes Buch geschrieben: Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast.
Für mich war dieses Buch augenöffnend und so richtig konnte ich danach die Sache mit der Scanner-Persönlichkeit nicht mehr von mir weisen. Denn Barbara Sher hat darin ziemlich klug mindestens 11 verschiedene Scanner-Typen clustern können, von denen ungefähr drei bis vier stark in mir resoniert haben. In meinem Fall waren das Shers Ausführungen zum Doppelagenten, Serienspezialisten, Universalisten und Wanderern. Mir haben diese Kapitel geholfen meine eigene USPs zu erkennen, also die eigene Unique Selling Proposition, ein Begriff, den ich aus dem Marketing kenne. Was ist unser Alleinstellungsmerkmal? Womit können wir uns, zum Beispiel am Arbeitsmarkt, von anderen Mitbewerbern abheben? Wenn einem das erst einmal bewusst wird, dann hat die Lektüre dieses Buches ein großes Potential den eigenen Selbstwert der Scanner-Persönlichkeiten zu heben; zumindest ging das mir so. Ich dachte schon oft in meinem Leben, dass ich komplett falsch bin, weil ich mich für 20.000 Dinge interessiere und begeistern kann. Aber offensichtlich hatte ich einfach noch nicht das geeignete Lebensmodell oder das passende Rotationsmodell für mich gefunden. Insofern ist Shers Buch für mich ein sehr gutes Lebenshilfebuch.
Was hat das nun mit meiner beruflichen Doppelbelastung zu tun?
Ich hatte es oben schon angedeutet, dass Scanner unheimlich gerne in Projekten arbeiten: Sich einem Thema für eine befristete Zeit voll und ganz zu widmen, ist voll ihr Ding. Ein typischer Scanner-Beruf ist deshalb auch der des Journalisten oder des Autoren, weil hierfür einfach viele Scanner-Eigenschaften von Nöten sind, um dem Anspruch des Berufes gerecht zu werden.
Ich habe vor rund drei Jahren, nach meiner Elternzeit, angefangen für ein lateinamerikanisches EU-Projekt im administrativen Sinne an der Uni zu arbeiten. D.h. diese Stelle war von vorn herein ein befristetes Arbeitsverhältnis. Ich habe mich nie auf diese Stelle beworben. Sie wurde während eines Vorstellungsgespräches für eine ganz andere Stelle einfach so an mich heran getragen, und zwar mit den Worten, dass „ich ja prädestiniert für diese Stelle sei“. Ich persönlich wäre niemals auf die Idee gekommen mich auf eine befristete Stelle zu bewerben, weil eine Befristung meines Erachtens nichts mit beruflicher Stabilität oder Sicherheit zu tun hat. Dies sind Werte, die mein Aufwachsen geprägt haben. Nichtsdestotrotz ließ ich mich auf dieses befristete Arbeitsverhältnis mangels Alternativen ein, auch weil mir die Stelle aufgrund meiner eigenen Biographie tatsächlich wie auf den Leib geschnitten war. So etwas hatte ich bei keinem anderen unbefristeten Arbeitsverhältnis jemals zuvor, dass es auf eine kosmische Art und Weise wie die Faust aufs Auge passte: Ich arbeite viel mit internationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammen. Meine verschiedenen Fremdsprachenkenntnisse kommen täglich zum Einsatz. Meine interkulturellen Kompetenzen tragen ganz entscheidend zum Erfolg des Projektes bei usw. Ich bin in gutem Austausch mit dem Team und lerne täglich so viel Neues über andere Länder und andere Sitten. Mit anderen Worten: Es macht mich so stolz für dieses EU-Projekt tätig zu sein und so meinen Teil dazu beizutragen, dass internationale Forschungsarbeit gelingen kann. Diese Tatsache erfüllt mich mit Freude und erwärmt mein Herz. Zugleich habe ich vor jedem Wissenschaftler einen riesigen Respekt, der für seine Forschungsarbeit für einige Jahre sein Heimatland verlässt, nur um hier zu arbeiten. Ich finde, dass dafür schon sehr viel dazu gehört. Im Spanischen würde man sagen: Cojones, also „Eier“. Man muss Eier und Mut für so ein Vorhaben haben. Ich selbst habe auch zweimal im Ausland gelebt: USA und Spanien. Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, waren zwar sehr lebensbereichernd, aber zugleich auch oft herausfordernd für mich.
Nun ist die Situation so, dass so ein Projekt ja auch irgendwann ein Ende hat. Dieses Ende naht sich nun an. Im Sommer gab mir der Personalrat die ausdrückliche Empfehlung, dass ich mich doch bitte jetzt schon um eine neue Stelle kümmern soll und nicht erst so kurz vor knapp, wo ich alles nehmen muss, was kommt. Daraufhin habe ich im Sommer tatsächlich eine neue Stelle bei einem anderen Institut gefunden. Diese Stelle ist nun unbefristet, was sehr gut für uns und unser Familienleben ist. Die hat insbesondere auf die finanzielle Planbarkeit positive Auswirkungen.
Da unsere Kinder aber noch relativ jung sind, wollte ich nach der Zusage am neuen Institut meine Projektstelle kündigen, weil mir mein Chef dort zu jenem Zeitpunkt einfach keine weiteren beruflichen Perspektiven angeboten hat. Um es kurz zu machen: Das mit der Kündigung habe ich nicht hingekriegt, nachdem er nochmal eingänglich mit mir über die Projektsituation gesprochen hat. Die neue Stelle konnte ich aus guten Gründen aber auch nicht ausschlagen. Nach mindestens zwei Wochen schlafloser Nächte hatte ich dann so etwas ähnliches wie eine Entscheidung gefällt. Die Entscheidung lautet: Ich nehme die Vorteile von beiden Stellen mit und versuche für einen begrenzten Zeitraum von ungefähr 18 Monaten beides zu machen. Mein alter Chef hat mir für seine Arbeit bei ihm jetzt doch eine Verlängerung gegeben. So kamen jetzt diese noch relativ langen 18 Monate zustande. Diese berufliche Doppelbelastung ist nun mitte Oktober bei mir in Kraft getreten und diese Umstellung fühlt sich für unser Familienleben absolut hart an, weil mein Mann jetzt mehr machen muss. Kurzum: Es fühlt sich noch nicht gut an, aber richtig. Ich fühle mich durch diese sehr hohe Arbeitsbelastung absolut müde und erschöpft, aber mein Erscheinungsbild nach außen wirkt wohl zufrieden und glücklich; zumindest ist das die Meinung einiger Kollegen.
Ich beschäftige mich auch heute noch mit der Frage, warum es mir so schwer fällt das EU-Projekt zu verlassen. Gewiss spielen da meine Werte von Verbundenheit und Loyalität gegenüber meinem ersten Prof eine Rolle, aber dennoch nicht ausschließlich.
Mittlerweile denke ich, dass es vor allem mit meinem Scanner-Dasein zu tun hat, warum ich das EU-Projekt nicht verlassen kann. Ich kann es nicht verlassen, weil ich offensichtlich Projektarbeit liebe, obwohl sie mir keine berufliche Sicherheit bietet. Aber sie ist das, was mich mit Leidenschaft erfüllt. Sie beflügelt mich. Ich spüre, dass ich auch immer wieder offen für weitere EU-Projekte wäre. Zur Zeit denke ich sogar darüber nach ein Eigenes einzuwerben. Um den Projektantrag kann ich mich aber erst so richtig kümmern, wenn das aktuelle Projekt rum ist und wenn ich das Gefühl habe, dass unser Familienleben unter dieser beruflichen Doppelbelastung nicht zu sehr leidet.
Ehrenamt
Scanner-Persönlichkeiten sind übrigens auch prädestiniert für Ehrenämter, weil sie eine Abwechslung zum beruflichen Alltag bieten. Ich denke, dass dies mit ein Grund dafür ist, warum ich diesen Blog immer noch weiter führe. Ich kann hier Tätigkeiten und Eigenschaften abrufen, die in meinem beruflichen Kontext weniger zum Tragen kommen. Insofern füllt der Blog in mir eine Lücke. Andere Menschen engagieren sich lieber in der Sterbehilfe oder in der Seelsorge, im Schulvorstand der Schule der eigenen Kinder oder setzen sich für die deutsch-israelische Gemeinschaft ein. Es gibt so unendlich viele Möglichkeiten sich einzubringen. Deswegen feiere ich das Ehrenamt so sehr 😊. Ich denke, dass Ehrenämter der Klebstoff unserer Gesellschaft sind. Sie halten noch alles zusammen.
Was all das mit meiner Nüchternheit zu tun hat
Durch meine mittlerweile elfjährige Abstinenz habe ich ein gut ausgebildetes Frühwarnsystem entwickelt, das immer dann angeht, wenn ich mich selbst oder die Beziehung zu mir selbst vernachlässige. Das passiert mir manchmal, wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit stark im Außen bin; ständig funktionieren muss, um den ganzen ToDos auf meinem Zettel nachzukommen. An solchen Tagen ist es dann meine Hauptaufgabe anzuerkennen und mir vor allem den Raum zu lassen, dass ich selbst „eine sehr wartungsintensive Maschine bin.“ Diese Worte stammen nicht von mir. Nach ihrem Symposium beim letzten Deutschen Suchtkongress hat Nathalie Stüben sie in der anschließenden Fragerunde verwendet. Ich finde diesen Ausdruck sehr passend dafür, was manchmal in mir los ist.
Mit der Nüchternheit geht immer mehr als noch zu Alkoholzeiten. Das beobachte ich nicht nur an mir, sondern auch bei all den lieb gewonnenen Persönlichkeiten, die mir bisher in der deutschen nüchtern-Bewegung begegnet sind. Dass ich bisher diese berufliche Doppelbelastung schaffe und dass es gleich zwei internationale Forschungsteams gibt, die mit mir zusammenarbeiten wollen; all das wäre nicht möglich, wenn ich noch trinken würde. Denn nüchtern kann ich mich viel konstruktiver in diese Gesellschaft und demzufolge auch in dieses Leben einbringen. Deswegen liebe ich es nüchtern zu sein.
Was das jetzt für mich bedeutet
Voraussichtlich muss ich dieser beruflichen Doppelbelastung nun noch etwa 18 Monate nachkommen. In dieser verbleibenden Zeit bedeutet das für mich, dass ich, wo es möglich ist, Aufgaben delegiere, also im privaten Sinne vieles an meinen Mann abgebe und im beruflichen Kontext an meine studentische Hilfskraft. Das wird in den nächsten 18 Monaten nicht alles zu 100 Prozent rund laufen, das weiß ich. Deswegen gilt es meine eigenen Ansprüche in sämtlichen Bereichen runterzuschrauben. Dazu gehört auch die Fähigkeit loszulassen. Ich denke, dass es das ist, was ich nun lernen darf. Loslassen.
[1] [vgl. Sher, Barbara, Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast, München: dtv, 2012, S. 43]